An der Pädagogischen Hochschule Freiburg wird derzeit intensiv daran gearbeitet, wie Lehrkräfte im Berufsalltag noch besser dabei unterstützt werden können, Lernprozesse ihrer Schüler/-innen zu verstehen und Unterricht gezielt darauf auszurichten. Im Zentrum steht dabei eine zentrale Fähigkeit: die diagnostische Kompetenz von Lehrkräften.

Gemeinsam mit Kolleg/-innen der Pädagogischen Hochschule Heidelberg hat ein Forschungsteam um Prof. Dr. Timo Leuders und Prof. Dr. Katharina Loibl ein Modell entwickelt, wie Fortbildungen für Lehrkräfte so gestaltet werden können, dass genau diese komplexe Kompetenz systematisch aufgebaut und langfristig gestärkt wird. Das Modell und Beiträge zu Fortbildungen, die das Modell umsetzen, wurden vor kurzem in einem Themenheft der Zeitschrift „Herausforderung Lehrer*innenbildung“ veröffentlicht:

Warum braucht es neue Fortbildungskonzepte?

Zur Förderung diagnostischer Kompetenzen gibt es bereits Ansätze in Studium und Vorbereitungsdienst. Für Lehrkräfte im Beruf, also in der dritten Phase der Lehrkräftebildung, fehlen bisher jedoch systematische und wissenschaftlich fundierte Fortbildungskonzepte.

Es gibt nur wenige Studien und bislang keinen übergreifenden Rahmen, der die Gestaltung und Evaluation solcher Fortbildungen anleitet.

Ein Grund: Diagnostische Situationen im Unterricht sind hoch komplex. Lehrkräfte müssen unter Zeitdruck, oft parallel zu anderen Anforderungen, Informationen wahrnehmen, einordnen, mit eigenem Wissen verknüpfen und dann passende Entscheidungen treffen – etwa ein Feedback geben, Aufgaben anpassen oder eine Fördermaßnahme planen.

Das Forschungsteam um die Pädagogische Hochschule Freiburg setzt hier an und schlägt einen konzeptuellen Rahmen vor, der diese Komplexität ernst nimmt und Fortbildungen systematisch strukturiert.

Orientierung am 4C/ID-Modell: Komplexe Fähigkeiten Schritt für Schritt aufbauen

Grundlage des neuen Ansatzes ist das 4-Component-Instructional-Design-Modell (4C/ID) des niederländischen Bildungsforschers Jeroen van Merriënboer. Es wurde ursprünglich entwickelt, um komplexe berufliche Kompetenzen zu vermitteln – genau dazu zählt auch die diagnostische Kompetenz von Lehrkräften.

Das 4C/ID-Modell geht von vier zentralen Elementen aus:

Lernaufgaben Lehrkräfte bearbeiten alltagsnahe Diagnosesituationen, die die Vielfalt der Praxis zeigen – etwa fehlerhafte Schülerlösungen bei Hausaufgaben, Videoaufnahmen aus Klassenzimmern oder Klassenarbeiten. Zu Beginn werden diese Situationen vereinfacht dargestellt; im Verlauf der Fortbildung steigt die Komplexität und die Unterstützung sinkt schrittweise. Teilfertigkeiten-Übungen Einzelne Teilkompetenzen, etwa das Erkennen bestimmter Fehlertypen, werden gezielt geübt und gefestigt. Das Einüben der Teilkompetenz beginnt erst, nachdem sie im Kontext der Lernaufgabe eingeführt wurde. Unterstützende Informationen Wissenschaftliche Hintergründe, etwa zu typischen Fehlvorstellungen, Aufgabenmerkmalen oder Modellen diagnostischer Prozesse, werden gezielt zur Verfügung gestellt. Sie helfen beim Verstehen und Strukturieren neuer Situationen. Prozedurale Informationen Hier geht es um das „Know-how“: konkrete Handlungsroutinen, z.B. Fragen, die Lehrkräfte systematisch stellen können, um das Denken von Schüler/-innen besser zu erfassen. Diese Informationen werden just-in-time während der Lernaufgabe gegeben und mit zunehmender Expertise zurückgefahren.

 

Grafik: Eigene Bearbeitung basierend auf: ‚A graphical view of the four components…‘ von Jeroen J. G. van Merriënboer, 2020, https://www.4cid.org, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Damit lassen sich Fortbildungen so konzipieren, dass Lehrkräfte nicht nur Wissen anhäufen, sondern es in realistischen Situationen anwenden und einüben. Sie werden so schrittweise darin gestärkt, guten Unterricht zu geben.

Von der Theorie in die Praxis: Module für vier Unterrichtsfächer

Die theoretische Arbeit mündet nicht im Abstrakten: das Forschungsteam hat konkrete Fortbildungsmodule entwickelt, erprobt und wissenschaftlich begleitet.

Diese Module richten sich an Lehrkräfte der Fächer:

  • Mathematik
  • Chemie
  • Sport
  • Sachunterricht

Allen Modulen ist gemeinsam, dass sie:

  • auf authentischen Unterrichtssituationen basieren (z.B. reale Schülerlösungen),
  • die Komplexität der Aufgaben schrittweise steigern,
  • zu Beginn umfassende Hilfestellungen anbieten,
  • und diese Hilfestellungen im Laufe der Fortbildung gezielt reduzieren, sodass Lehrkräfte zunehmend eigenständig diagnostische Entscheidungen treffen.

Ein Beispiel ist ein Mathematikmodul, in dem Lehrkräfte lernen, Aufgabenschwierigkeit einzuschätzen und Aufgaben passend zu den Lernvoraussetzungen ihrer Klassen auszuwählen. Dazu erwerben sie fachdidaktisches Wissen über Aufgabenmerkmale und üben wiederholt, fehlerhafte Schülerlösungen zu analysieren und geeignete Lernimpulse auszuwählen.

Ausblick

Diagnostische Kompetenz von Lehrkräften ist kein statisches Wissen, sondern entwickelt sich im Laufe der Berufstätigkeit kontinuierlich weiter. Der nun vorgestellte Rahmen bietet eine fundierte Grundlage, um Fortbildungen so zu gestalten, dass sie nicht bei punktuellen Angeboten stehen bleiben, sondern langfristige Lernprozesse bei Lehrkräften anstoßen.

Zugleich zeigt das Themenheft: Wer die komplexe Realität von Unterricht ernst nimmt, braucht Fortbildungen, die Lehrkräfte in genau diesen komplexen Situationen abholen – strukturiert, schrittweise und mit Blick auf das, was im Klassenzimmer tatsächlich zählt: das Lernen der Schüler/-innen.